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08.03.2018 | 19:35 Uhr

Mittelbayerische Zeitung: "Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg) zum Thema Altersarmut:

Regensburg (ots) - Kommt die Rede auf den Ruhestand, sehen die
meisten Deutschen schwarz. Das hat eine Untersuchung der
Bertelmann-Stiftung gerade erst wieder eindrucksvoll bestätigt: Zwei
von drei Bundesbürgern verbinden mit dem Älterwerden vor allem eine
grassierende Altersarmut. Doch wie entstehen eigentlich solche
kollektiven Befürchtungen, wo derzeit doch nur etwa drei Prozent der
Rentner von staatlicher Stütze leben und die Ruheständler insgesamt
zu den mit Abstand am wenigsten sozial gefährdeten
Bevölkerungsgruppen im Land zählen? Ein Teil der Erklärung besteht
sicher darin, dass die Armutsdebatte immer häufiger von schrillem
Alarmismus bestimmt wird, der selbst Menschen verunsichert, die
persönlich nie im Alter werden darben müssen. Erinnert sei nur an
einen Bericht des Westdeutschen Rundfunks vor zwei Jahren. Damals
wurde die Nation mit der Botschaft aufgeschreckt, dass jedem zweiten
Rentner (!) von 2030 an die Altersarmut drohe. Der Befund war
schlicht aus der Luft gegriffen, weil er mit grundfalschen Annahmen
operierte, aber er war in der Welt. Auch Slogans wie "Rente muss für
ein Bierchen reichen", mit dem der DGB Stimmung im Wahlkampf machte,
suggerieren ein Altersdasein in Not und Elend. Und Spitzenpolitiker
wie Horst Seehofer oder Andrea Nahles stellten sich gar an die Spitze
der Bewegung, indem sie Abhilfe durch eine Stabilisierung des
Rentenniveaus versprachen. Dabei ist die Höhe des Rentenniveaus
genauso wenig ein schlüssiger Indikator für ein gutes Auskommen im
Alter wie der allgemeine Gradmesser, wonach die Armut bei weniger als
60 Prozent des Durchschnittseinkommens beginnt. Steigen nämlich die
Gehälter der oberen Schichten, rutschen Normalverdiener automatisch
unter diese Marke, obwohl sich an ihren Einkommensverhältnissen
nichts geändert hat. Das Rentenniveau von derzeit 48 Prozent wiederum
verleitet zu der irrigen Annahme, dass die spätere Rente nur noch
weniger als die Hälfte des letzten Lohns ausmachen wird. Dabei ist
das Rentenniveau lediglich ein statistisches Konstrukt, welches einen
immer durchschnittlich verdienenden Beschäftigten mit 45
Beitragsjahren zum Maßstab nimmt. Einen solchen Beschäftigten gibt es
aber praktisch nicht. Es wird darüber oder darunter verdient und das
nicht kontinuierlich wie im Modellfall, weshalb am Ende auch die
individuelle Rente höher oder niedriger ausfällt. Eine weitere
fragwürdige Prämisse in der Armutsdebatte ist auch, dass scheinbar
nur die gesetzliche Rente ausschlaggebend für den Lebensabend ist.
Dabei trägt sie bezogen auf alle Rentner nur zu weniger als zwei
Drittel der Alterseinkünfte bei. Hinzu kommen häufig Betriebsrenten
oder private Vorsorgeleistungen. Gleichwohl gilt: Für viele
Ruheständler werden die gesetzlichen Altersbezüge auch in Zukunft die
zentrale Einkommensquelle bleiben. Aber Schwarzmalerei ist
unangebracht. Mit der frühzeitigen Entscheidung, das reguläre
Renteneintrittsalter in kleinen Schritten auf 67 Jahre zu erhöhen,
hat die Bundespolitik auf die Herausforderungen einer älter werdenden
Gesellschaft angemessen reagiert. Um den Trend zu fördern, braucht es
neue Arbeitskonzepte für ältere Beschäftigte. Breit angelegte
Umschulungen für weniger belastende Tätigkeiten wären eine
Möglichkeit. Und vielleicht wird man wegen des technischen
Fortschritts irgendwann Sozialbeiträge auf Computer oder Roboter
erheben müssen, weil sie den Menschen bei der Wertschöpfung zunehmend
ersetzen. Oder auf Aktieneinkünfte. Panik und Alarmismus sind
schlechte Ratgeber, um solche Herausforderungen zu meistern.



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